Sie wagten sich immer weiter hinaus, die Logger und Trawler -
dem Fisch auf der Spur. Ein lebensgefährliches Unternehmen im stürmischen
Atlantik.
Windstärken zehn bis elf. Die "Görlitz" entkam nur knapp einer Katastrophe
Bild: Tückisches Eis vor Grönland. Seitentrawler "Görlitz" gerät im März 1964 in
Seenot. Bei minus 30 Grad bildet sich über dem wärmeren Wasser starker
Seerauch, der als unterkühlter Nebel das Schiff blitzschnell vereist.
Verzweifelt wehren sich die Männer gegen den schwarzen Frost.
So ist das mit der Geschichte. Immer beginnt sie mit: Es war einmal. Es waren einmal 484 Schiffe. Zunächst mit grünen Rümpfen - weswegen sie im Anfang als "grüne Pest" verschrien waren -, später mit grauen und schwarzen. Diese Kutter, Logger, Trawler und schließlich die mächtigen Fabrikschiffe haben die spannende Geschichte der ostdeutschen Hochseefischerei geschrieben, von der Stunde Null nach dem verlorenen Krieg bis zur Stunde Null nach der Wende.
Solange die Freiheit der Meere noch grenzenlos war, konnten die Fischer hinausfahren bis ans Ende der Welt, um die Menschen daheim im eingemauerten Land mit Fisch zu versorgen. Zu Preisen, die bis zuletzt vom DDR-Staat gestützt wurden wie die Preise für Brot, Kartoffeln, Mieten.
Bild:
Ein Fang, der den Fischern keine Freude macht. Im Netz ein Grauhai. Als
Grauesel verflucht wegen seines fürchterlichen ammoniakartigen Gestanks.
Sie fischten schon bald nicht mehr nur in der Ost- und Nordsee, in
der Barentssee und im Nordatlantik. Da immer mehr Staaten sich Schutzzonen
schafften gegen die bedrohliche Überfischung, mußten sie immer weiter hinaus.
Sie fischten vor New York, Afrika und in der Antarktis. Sie passierten den
Suez- und den Panamakanal. Sie umrundeten Afrikas Kap der Guten Hoffnung und
das gefürchtete Kap Hoorn der lateinamerikanischen Südspitze. Sie trotzen den
Naturgewalten und brachten in vier Jahrzehnten sieben Millionen Tonnen Fisch
in ihre Heimathäfen Rostock und Sassnitz auf Rügen. Die DDR-Regierung hielt
die Verbraucherpreise aus politischen Gründen stabil, obwohl sie jährlich bis
zu einer Milliarde Mark zubuttern mußte.
Doch verfehlte Politik, die zum Zusammenbruch führen mußte, schmälert nicht die Leistung der Männer - und später auch der Frauen auf den Fabrikschiffen -, die bei Sturm und Regen, bei Eis und Gluthitze einen knochenharten Job machten.
Damit dieses Kapitel ostdeutscher Geschichte nicht vergessen wird, haben es zwei fachkundige Rostocker Autoren aufgeschrieben - eine Dokumentation der Hochseefischerei der DDR. "Hiev up" heißt das Buch von Dietrich Strobel und Wulf-Heinrich Hahlbeck, soeben erschienen im Verlag Koehler/Mittler (164 Seiten, über 200 Fotos, 58 Mark. Auch in den Pressehäusern der OSTSEE-ZEITUNG zu bekommen).
Selbstversorgung hieß das staatliche Ziel, koste es, was es wolle, denn für Importe fehlten Devisen.
Mit der Kutter-Flotte allein war der Bedarf nicht zu decken. Mit den größeren Loggern auch nicht. Mit 57 Meter langen Trawlern, die jeweils bis zu 32 Mann Besatzung brauchten, konnte die Fischerei in der Barentssee, bei Island und entlang der norwegischen Küste ausgeweitet werden.
Kapitän Heinrich Krönke stieß mit dem Trawler "Dresden" 1958 über den Nordwestatlantik bis an die westgrönländische Küste vor. Doch länger als 14 Tage durfte auch die "Dresden" mit ihrem im Eis gelagerten Fang nicht unterwegs ein, dann mußte der Frischfisch im Rostocker Hafen angelandet werden.
Bild:
Ein Fang, der den Fischern Freude macht. Der Hol ist so gewaltig, daß der
Fischbunker des Trawlers nicht alles auf einmal aufnehmen kann.
"Du bist verrückt, Hein", hatten die Chefs des Fischkombinats den erfahrenen Kapitän gewarnt, als er ihnen den Vorschlag machte, nach Westgrönland auszulaufen, wo das wärmere atlantische Wasser des Irmingerstroms auf den nordwärts setzenden kalten polaren Ostgrönlandstrom trifft: "Da steht der Fisch dick."
Als er dann mit 4500 Korb Kabeljau (ein Korb = 50 Kilo) zurückkam, ein sensationelles Ergebnis, spielte zu Ehren der "Dresden" eine Kapelle im Hafen.
Kapitän Krönke: "Wir hatten günstiges Wetter, und was das Eis anbelangt, trafen wir eine gute Situation an, so daß wir uns in sechs Tagen vollfischen konnten. Für unser Fangergebnis bentögten wir nur 30 Hols. Demgegenüber waren die acht Tage Anreise ziemlich lang. Wir sammelten wichtige Erfahrungen für die Grönlandfischerei: Heute ist Eis, morgen kann es schon wegtreiben. Einen starken Scheinwerfer müßt ihr haben, damit ihr die Eisberge sehen könnt."
Das Eis bei Grönland und vor der ostkanadischen Halbinsel Labrador hat viele Gesichter: Freundliche, wenn die Eisfelder Flächen freiließen, groß genug zum Aussetzen und Hieven. Vor allem aber gefährliche.
Die "Görlitz" geriet im März 1964 in Seenot. Windstärke zehn bis elf, Temperatur minus 30 Grad. Über dem wärmeren Wasser bildete sich starker Seerauch, der als unterkühlter Nebel den Trawler blitzschnell vereiste. Verzweifelt wehrten sich Kapitän Walter Holst und seine Männer gegen den gefürchteten schwarzen Frost. Sie warfen Fanggeschirr und Fisch über Bord, um die überkommende See besser ablaufen zu lassen. Sie schlugen immer wieder die schnell wachsende Eisschicht ab, um das sich kaum noch aufrichtende Schiff zu entlasten und vor dem Kentern zu bewahren. Das Schwesterschiff "Erich Weinert" pumpte Öl zum Beruhigen der See außenbords und blieb in der Nähe.
Günter Werner war Funker auf der "Erich Weinert". Er erinnert sich: "Beim Hellwerden bekamen wir einen gelinden Schreck, als wir die 'Görlitz' in ihrem Eispanzer sahen. Das Eis auf der Back, dem Schutzdeck, an den Aufbauten, insbesondere an der Brücke war stellenweise mehr als einen Meter dick. Die Männer der 'Görlitz' waren von den Strapazen total ausgepumpt, von Erfrierungen an Händen, Füßen und im Gesicht gezeichnet."
Glück für die Besatzung: Es ging noch einmal gut.
Die Trawler "Magdeburg", "Meißen" und "Weimar" waren die ersten, die um die Jahreswende 1960/61 die Fanggründe vor Labrador und Neufundland anliefen. Kapitän Rudolf Andres: "Hier war über Wasser und unter Wasser alles anders. Schlechtes Wetter mit Schneetreiben. Fangplatzerfahrung hatten wir nicht. Auch keine Verwandten oder Bekannten auf den westdeutschen Trawlern. Ich suchte mir einen von diesen Trawlern aus, setzte mich hinter ihn und guckte mir das erst einmal an...
Nach 20 Minuten war bei ihm Hieven. Ein dicker Büdel. Nun kamen wir: Zurück aufdampfen und aussetzen. Eine halbe Stunde geschleppt. Das Ergebnis: einmal nix, ein großes Loch im Unterblatt... Ich runter von der Brücke. Wir müssen das Geschirr ändern: Ins Rollergeschirr kommen mehr kleinere Holzrollen rein, damit es leichter geht, und beim Scherbrett wird der vordere Bügel ein Loch nach vorn gesetzt, damit wir nicht so breit scheren.
Mein Netzmacher: Aber, Kapitän am Geschirr kann es doch nicht liegen. Das hat doch immer so gut gefischt... Doch die Macht ist dem Kapitän gegeben. Aussetzen: Es klappte. Das Geschirr fischte gut."
Mit Jahresfängen von mehr als 60 000 Tonnen war die Labrador-Fischerei von Mitte bis Ende der 60er Jahre außerordentlich erfolgreich - dann ging sie als Folge der Überfischung schlagartig auf weniger als ein Viertel zurück.
Die Arbeit auf den Trawlern war eine schlimme Schinderei: rund um die Uhr am Fangplatz, kaum Schlaf, Kälte, Nässe und immer unruhige See. Auf die Dauer auch nicht durch viel Geld aufzuwiegen.
Die einzige Chance, die blieb: Zubringerdienste leisten für die neuen Fabrikschiffe, die den Fang abnahmen und an Bord gebrauchsfertig verarbeiteten. Zum erstenmal war es im Spätherbst 1960 so weit. Bei Windstärke 7 bis 8 übergab die "Magdeburg" dem gerade in Dienst gestellten Transport- und Verarbeitungsschiff "Martin Andersen Nexö" im Nordatlantik ihren Fang.
Damit wurde ein neues Kapitel der ostdeutschen Hochseefischerei eingeleitet: die Flottillen-Fischerei. Doch die Trawler leisteten noch anderthalb Jahrzehnte lang gute Dienste, ehe ihnen das Totenglöcklein läutete. Von ihrem letzten Seitentrawler, der "Gera", trennten sich die Rostocker erst 1990. Die "Gera" wechselte im Rahmen der Städtepartnerschaft an das Morgenstern-Museum nach Bremerhaven. Für den symbolischen Preis von einer vergoldeten Mark. Mit grünem Rumpf und braun-weiß gestrichenen Aufbauten, den Traditionsfarben des Rostocker Fischkombinats, erinnert die liebevoll gepflegte "Gera" an ein wichtiges Kaitel ostdeutscher Fischerei-Geschichte.

Bild:
Eng geht es zu in der Kombüse. Jeder Zentimeter muß genutzt werden. Gekocht
wird auf einem Kohleherd. Wehe den Köchen, wenn sie kein gutes Essen liefern.
Geschichte - und Geschichten über den harten Alltag an Bord. Willi Jaedtke aus Wolgast, der auf dem Kutter "Carl Zeiss" in den 50er Jahren Dienst tat: "Es hatte sich herumgesprochen, daß ich gut kochen konnte. Meine Ein-mal-ein-Meter-Kombüse war so eng, daß ich nicht fallen konnte. Einen Kühlschrank gab es nicht. Das Fleisch lagerte ich bei der Ausreise auf dem Eis im Fischraum. Rouladen waren das Lieblingsgericht. Zweimal wurden Fischgerichte eingeschoben. Ich habe oft gestaunt, was die Kollegen weggeschluckt haben. Apfelreis kochte ich soviel, daß sie den ganzen Tag davon essen konnten. Devisen durfte ich für den Proviant nicht ausgeben. Mit dem Brot war es nicht einfach. Auch in Stanniolpapier verpackt hielt es sich nicht lange. Nur 3,60 Mark standen mir täglich je Mann als Verpflegungsgeld zur Verfügung. Wenn einer Geburtstag hatte, habe ich trotzdem Kuchen gebacken..."
Auslandsaufenthalte, um Eis oder Trinkwasser an Bord zu nehmem, waren in den ersten Nachkriegsjahren gelegentlich mit Schwierigkeiten verbunden. So wurde der Logger mit dem Namen "Oktoberrevolution" vom Hafenkapitän im französischen Le Havre ultimativ aufgefordert, den Schiffsnamen zu verdecken. Auch Landgänge wurden abgelehnt, bei Zollkontrollen strengere Maßstäbe angelegt. Aber es gab auch andere Beispiele.
Erwin Popall aus Sassnitz erinnert sich: "Der Makler Odd Thorjusen im norwegischen Egersund und unsere Fischerei, das ist eine Geschichte für sich. Er ist im Konzentrationslager gewesen. Trotzdem hat er uns Deutschen eine Chance gegeben und geholfen. Unsere Fischerei schuldet Thorjusen viel Dank. Um so unverständlicher war für mich, daß ihm keine Einreise in die DDR gewährt wurde."
Manfred Prill fuhr als Matrose auf dem Logger "Rudolf Breitscheid", einem von vier Treibnetzloggern, die 1960 in der Nordsee fischten: "Alles war Handarbeit. Eine Arbeit für einen, der Vater, Mutter und sämtliche Verwandten erschlagen hatte... Stundenlang die Heringe aus dem Netz schütteln. Greifen und ziehen und wieder greifen und ziehen, dreimal hintereinander und dann schütteln, damit die Heringe rausfielen. Nur der Alte auf der Brücke. Unsere Arme sind länger und länger geworden, wie bei den Affen. Noch in der Koje, im Traum, haben wir das Zudeck geschüttelt. Hatten wir die Heringe an Deck, mußten sie noch gekehlt werden..."
Bild:
Lehrberuf Fischer. Lehrlinge müssen hart anpacken. Hier holen sie von einem
21-Meter-Kutter nicht nur Fisch, sondern auch einen alten Stockanker an
Land.
Gerhard Trost kam als Lehrling auf dem Logger "Karl Liebknecht" bis in die Barentsee im Nordpolarmeer: "Mit unseren Loggern konnten wir auf den guten Gründen und bei günstigem Wetter noch auf 300 bis 400 Meter Wassertiefe fischen. Und Fisch war da! Viel Fisch. Auf der Rotbarschwiese lief uns der Rotbarsch von allein ins Netz. Man brauchte ihn nicht zu jagen wie den Hering. Nach anderthalb Tagen konnten wir Vollschiff auf Heimreise gehen. Bei diesen Fängen und jeweils sechs bis sieben Tagen für Aus- und Heimreise ergab das unterm Strich gutes Geld und kurze Fangreisen."
Überstunden waren die Regel, auch für Lehrlinge. Aber die Matrosen hatten
ein Herz für den Nachwuchs: An Bord ließen sie die Mützen rumgehen, in die
jeder reichlich steckte, um den kargen Lehrlingslohn kräftig aufzubessern.
Fotos entnommen dem Buch "Hiev up"