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So war die Hochseefischerei im Osten Deutschlands

1. Folge:
Mit der "grünen Pest" gegen den Hunger

Im Anfang gab es nur ein paar Kutter. In der minenverseuchten Ostsee waren sie dem Fisch auf der Spur. Gefährliche Knochenarbeit in Sturm und Kälte. Dann wurde eine moderne Flotte aufgebaut. Die ersten Kapitäne kamen aus den westdeutschen Hafenstädten.


Inhalt

  1. Bewaffnete Rotarmisten überwachten das Fangsoll
  2. Die Preise blieben niedrig - der Staat butterte zu
  3. Geschlafen wurde an Bord, gekocht auch
  4. Mit Hacke, Spaten, Schaufel den Hafen ausgebaut
  5. "Lübeck" und "Hamburg" fischten für den Osten
  6. Den bösen Geist "Jonas" mit Fackeln vertrieben
  7. Zwischenstopp zum Einkaufen in Cuxhaven

Bei minus 20 Grad und schneidendem Frost froren die Fische steif, kaum daß wir sie an Deck hatten. Dann haben wir sie korbweise in den warmen Betriebsgang gebracht und geschlachtet. Jeder Dorsch mußte ausgenommen, jede Flunder geritzt werden. Die Schiffe vereisten mitunter gefährlich und so stark, daß wir den Fang einstellen und das Eis abschlagen mußten...
Bei Bornholm gab es minengeräumte Zwangswege. Weiter nördlich nicht mehr. Der Krieg hatte Spuren hinterlassen. Wenn wir Munition auffischten, haben wir das Zeug nach vorn getragen und später wieder über Bord geworfen. Minen im Netz waren schwerer loszuwerden...

Der Bericht eines Kapitäns von den Anfängen der Hochseefischerei in der Ostsee, die mit bescheidenen Kuttern und Loggern kurz nach dem zweiten Weltkrieg begann und mit gewaltigen Fabrikschiffen nach der Wende endete.

Ein Kapitel ostdeutscher Geschichte, geprägt von Entbehrungen und Enttäuschungen, von Hoffnungen und Erfolgen, von harter Arbeit, von Abenteuern auf den Meeren vor der Haustür und rund um den Globus - immer dem Fisch auf der Spur, der von Jahr zu Jahr knapper wurde.

Im Anfang beschimpft als die "grüne Pest" - wegen der grüngestrichenen Schiffsrümpfe -, später geachtet auf den Ozeanen der Welt, weil in der tobenden See Ideologie nichts mehr zählt, sondern nur die ehrliche, harte Arbeit.


Bewaffnete Rotarmisten überwachten das Fangsoll

Netz aufnehmen beim 17-Meter-Kutter Bild: Der harte Job der Fischer: Netz aufnehmen beim 17-Meter-Kutter. Damit fing es nach Kriegsende an. Dieser Kuttertyp prägt heute noch die Küstenfischerei.

Die Hochseefischerei der DDR, staatlich befohlen, gelenkt und hochsubventioniert - mit jährlich 800 Millionen bis zu einer Milliarde Mark! -, in der Marktwirtschaft nicht mehr zu halten, ist ein spannendes Stück Geschichte, das jetzt zum erstenmal dokumentiert wird. "Hiev up - So war die Hochseefischerei der DDR" heißt das Buch, das im Koehler/Mittler-Verlag erschienen ist (164 Seiten, über 200 Fotos, 58,- DM). Die Autoren sind maritime Experten: Dietrich Strobel, den Lesern der OSTSEE-ZEITUNG durch die Dokumentation "Schiffbau zwischen Elbe und Oder" vertraut, und Dr. Wulf-Heinrich Hahlbeck, der im Institut für Hochseefischerei und an der Universität Rostock neue Fischfang-Technologien erforschte. Mit großer Sorgfalt haben sie die Historie der Hochseefischerei aufgezeichnet, durch die Aussagen von Zeitzeugen, die dabei waren, lebendig gemacht.

16 000 Männer und Frauen, davon 5000 seefahrendes Personal, waren zeitweise für die Versorgung der DDR-Bevölkerung mit Fisch im Einsatz - geblieben sind 250 Hochseefischer...


Die Preise blieben niedrig - der Staat butterte zu

niedrige Fischpreise Bild: Niedrige Fischpreise bis zur Wende. Die echten Kosten waren um das Mehrfache höher. Der Staat schoß jährlich bis eine Milliarde Mark zu.

Am Anfang stand, wie alles in Deutschland nach dem verlorenen Krieg, der Befehl einer Besatzungsmacht. Weil der Hunger groß war und nur Fischer ernten konnten, ohne zu säen, ordnete die Sowjetische Militäradministration im Januar 1946 für ihre Besatzungszone an: "Befehle ich den Fischern die Pflichtabgabe aus ihren Fischfängen für die Versorgung der deutschen Bevölkerung und der Roten Armee." Und auf den wenigen über die Kriegswirren geretteten Kuttern fuhren bewaffnete Rotarmisten mit, die die Erfüllung des Fangsolls überwachten.

Küstenfischerei in der Ostsee - es langte nicht vorne und hinten. Für ständige Importe fehlten damals wie in allen Zeiten der DDR die Devisen. Und die Fischpreise blieben - staatlich verordnet - eingefroren: für das Kilo Hering 1,02, für Kabeljau 1,56, für Rotbarsch 2,10. Paradiesische Preise für den Verbraucher, aber ein wirtschaftlicher Wahnsinn, denn schon 1977 betrug der wirkliche Aufwand pro Kilo 9,50 Mark!

Gerüstet waren die ostdeutschen Fischer für ihren neuen Job in der Stunde Null wie die Kanuten für eine Atlantik-Überquerung. Hochseefischerei war bis Kriegsende Sache großer Unternehmen an der Nordsee. Hamburg, Bremerhaven, Cuxhaven, Emden waren die Umschlagplätze. Die Fischerei an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern hatte gerade mal einen Anteil von zwei Prozent. Die verbliebenen Kutter waren nach 1945 in einem trostlosen Zustand, die Gewässer vor der Haustür durch Minen und Wracks blockiert. Die Schiffe, die dennoch hinausfuhren, mußten die internationale Signalflagge "C" führen. "C" stand im englischsprachigen Raum für: Capitulation.


Geschlafen wurde an Bord, gekocht auch

Die sowjetischen Besatzer zwangen den Fischern in ihrer Zone ihr Gesellschaftssystem auf: volkseigene, vom Staat dirigierte Kombinate. Die Entscheidung fiel für zwei Schwerpunkthäfen: Rostock und Sassnitz auf Rügen, Häfen mit Fischfang-Tradition.

Kutter im Sturm Bild: Ungemütlich, wenn der Sturm bläst. Ein Kutter der 26,5-Meter-Klasse, der auch schwerer See standhält. Im Einsatz auf Ost- und Nordsee und weiter hinaus.

In Sassnitz wurde seit altersher gefischt, mit offenen Booten und mit Kuttern. So wurden denn die Hafenanlagen ausgebaut, Kutter gekauft, darunter elf in Westdeutschland, Wohnungen aus dem Boden gestampft - viele gelernte Fischer aus Pommern und Ostpreußen, die als Flüchtlinge auf Rügen gelandet waren, suchten dringend nach einer Existenz.

Zeitzeuge Heinrich Thomsen, Kapitän der Pionier-Jahre: "Jeder konnte fahren, brauchte nicht einmal ein Seefahrtsbuch. Wenn alle Kutter im Hafen lagen, machten wir mit dem Vorsteven zum Steg fest. Übernachtet haben wir immer auf dem Kutter, vorn drin, auf dem 17er (die ersten Holzkutter waren 17 Meter lang). Vier Mann fuhren drauf, manchmal fünf. Da wurde gekocht und Wäsche gewaschen. Ein Lotterleben...
Pro Tag gab es 100 Gramm Käse, einen Klacks Butter und so 'ne Extraration. Die Schwerstarbeiterkarte hatten wir sowieso. Das hat geholfen. Wir bekamen ja keinen Proviant...
Jeder baute sich die Netze selbst. Meist ging's morgens raus, abends rein. Zuerst in den Sassnitzer Graben, dann Stück für Stück vorgetastet. Mal schon zwei Tage draußen geblieben. Wir waren unabhängig und frei, konnten dorthin fahren, wo nach unserer Meinung der Fisch war. Mit dem Funk hatten wir noch keine Sorgen. Es gab noch keine Geräte an Bord. Alles ging per Handzeichen..."

Pionier-Jahre. 1951 vorbei. Die Einzelfischerei abgelöst durch Brigaden. Fünf Kutter - eine Brigade. Ein Kutterführer hatte das Sagen. Der Staat, der zahlte, wollte mehr Fisch.


Mit Hacke, Spaten, Schaufel den Hafen ausgebaut

Aber in der Fischerei wurde auch gut verdient. Ein Kutterkapitän brachte es in den 50er Jahren auf damals beachtliche 25 000 Mark Jahreseinkommen. Sassnitz, das 1957 das Stadtrecht erhielt, lebte nicht nur vom Fisch - auch die Kneipen kassierten kräftig mit. Im Norden galt die Stadt als die mit dem größten Durst im Land.

Vergangenheit.

Tradition, Tradition - auch Rostock und Warnemünde müssen sich da nicht verstecken. Warnemünder Fischer, so berichten die Chroniken, holten schon im Mittelalter vor Schwedens Westküste den Hering an Bord. Und nach Kriegsende begannen sie wieder mit 25 bis 30 Kuttern und umgebauten Segelbooten und Barkassen. Im November 1949 beschloß der Rat der Stadt Rostock den Ausbau des zerstörten Geländes der Heinkel-Flugzeugwerke in Marienehe als Standort für den Neubeginn: VEB Hochseefischerei Rostock. Ein gigantisches Vorhaben: 500000 Kubikmeter Schutt mußten abgetragen, weitere drei Millionen Kubikmeter ausgebaggert werden, um das Hafenbecken und die Fahrrinne zur Warnow auf eine Tiefe von 6,50 Meter zu bringen. Mit steinzeitlichem Gerät: Hacke, Spaten, Schaufel. Und für die Arbeiter gab's Sirupbrot und eine Sonderration Quark...

1950 landeten die ersten Logger ihren Fang im Heimathafen.


"Lübeck" und "Hamburg" fischten für den Osten

Auspuken von Heringen Bild: Von März bis Mai ist Heringssaison. Harte Arbeit auch an Land: Auspuken der Heringe aus dem Stellnetz. Auch ein kapitaler Hecht hat sich darin verfangen.

Was heute angesichts schmerzender Arbeitslosigkeit wie ein Märchen klingt, war damals bedrückende Wirklichkeit beim Aufbau der ostdeutschen Hochseefischerei: Arbeitskräfte waren Mangelware, vor allem Fachkräfte, besonders Kapitäne. Eine Kuriosität im Klassenkampf der Systeme, der schon in den 50er Jahren die deutsche Nation mehr und mehr spaltete: Der Osten importierte die fehlenden Kapitäne aus dem Westen Deutschlands.

Dreißig Kapitäne wurden angeworben, die frisch in Dienst gestellten Logger und Seitentrawler zu führen. Und auch elf Kutter kamen von einer westdeutschen Werft in Elmshorn, bezahlt mit Zucker. Einige Schiffe trugen westdeutschen Namen. Die "Lübeck", "Bremen", "Hamburg", "Hannover" fingen Fisch für die ostdeutsche Bevölkerung.

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten, die Geschichte gelegentlich schreibt, daß sieben Kutter später - ab 1965 - für einen neuen Zweck umgerüstet wurden: Zur Bewachung der Ostsee waren sie im Einsatz der Grenztruppen der DDR. Die letzten bis kurz vor der Wende...


Den bösen Geist "Jonas" mit Fackeln vertrieben

Bei den in den westdeutschen Hafenstädten angeheuerten Kapitänen mußten die sozialistischen DDR-Oberen eine "kapitalistische" Kröte schlucken, die so gar nicht ins "brave" Lohngefüge paßte: Sie bestanden auf ihren alten Privilegien, daß neben der Heuer eine Prämie je nach Größe des Fangs zu zahlen sei. Das war nicht nur Anreiz für den Käpt'n, sondern für die gesamte Mannschaft, die von den Fangprämien ebenfalls profitierte, auf "Teufel komm raus" zu fischen.

Ein lohnendes Geschäft für alle. So kassierte ein Rostocker Kapitän 1960 für 1000 Mark Fangwert neben der eher schmalen Heuer zusätzlich 15 Mark, ein Matrose noch 2 Mark. Bei Jahresfängen eines Kutters im Wert von 350000 Mark oder eines Trawlers mit über 800000 Mark kam da schon eine schöne Summe aufs Konto.

Einer, der unter Westkapitänen gefahren ist, Franz Wegener, erinnert sich: "Die Kapitäne der alten Schule fuhren mit Daumen und Zeigefinger auf der Seekarte, beobachteten das Echolot, setzten ordentlich den Kurs ab und bestimmten durch Auflagen der Hand von der Größe einer Ballastschaufel die Position in der Seekarte: 'Hier stoht wi!`... Viele waren abergläubisch, liefen am Freitag nicht aus und ließen, wenn die Fischerei schlecht war, den bösen Geist 'Jonas' aus dem Steert peitschen und mit brennenden Fackeln von Bord vertreiben..."


Zwischenstopp zum Einkaufen in Cuxhaven

Aber auch für Abwechslung im grauen DDR-Alltag sorgten sie. Auf dem Weg zu den Fangplätzen in der Nordsee und im Atlantik organisierten sie einen Zwischenstopp in Cuxhaven für alle an Bord, wo es in den Geschäften zu kaufen gab, wovon man im Heimathafen nur träumen konnte.

Viele der Kapitäne blieben der Hochseefischerei der DDR treu, zogen ihre Familien nach, fanden in Rostock oder Sassnitz ihre neue Heimat.

Und die Fischereiflotte wuchs, die Schiffe wurden größer und größer, sie mußten immer weiter hinaus auf der Jagd nach dem Nahrungsmittel Fisch. Ein entbehrungsreicher, harter Job für die Besatzungen, deren Einsatz immer stärker von den politischen Entscheidungen der Machtblöcke in Ost und West bestimmt wurde.


Lesen Sie in der nächsten Folge:

Fotos entnommen dem Buch "Hiev up"


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